Magazin - Lluis Cera. April 2020

LLUÍS CERA: ERFAHRUNGEN, ÄNGSTE UND WÜNSCHE IN UNSICHEREN ZEITEN

Hallo Lluís, wir eröffnen dieses Abenteuer mit dir als Künstler des Monats, damit du uns etwas über deine Werke erzählen kannst. Aber sag uns zuerst, wie du mit dieser „Shutdown“ umgehst, in der du das Haus lange Zeit nicht verlassen kannst. Wie geht es dir seelisch und kannst du trotz der Umstände in irgendeiner Weise arbeiten?

Hallo Carmen, wir kommen gut mit der Einschränkung zurecht, ich lebe mit meiner Frau und meinen beiden Töchtern in einer Wohnung in Barcelona. Im Gegensatz zu Deutschland breitete sich die Pandemie in Spanien schnell und virulent in der Bevölkerung aus, mit einem sehr hohen Anstieg der Todesfälle. Zunächst wurde die Schließung aller Geschäfte und die Absage jeglicher Veranstaltungen verordnet.

Auch der Zugang zum Arbeitsplatz von vielen Selbständigen und Arbeitern, sollte vermieden werden. In dieser Übergangsphase spürte ich auf meinem Arbeitsweg, zu meiner 20 Kilometer entfernten Werkstatt, wie die Straßen beinahe menschenleer waren. Während dieser Zeit transportierte ich jeden Tag zwei Skulpturen, die fertig gestellt werden sollten, und eine Kiste mit Werkzeugen mit dem Auto von der Werkstatt zu mir nach Hause. Da ich bereits vermutete, dass die komplette Isolation bald folgen würde, fing ich an eine dritte Skulptur beim Transport hinzuzufügen. Der komplette „Shutdown“ in Spanien geschah am 30. März, als das Gesundheitssystem des Landes am Rande des Zusammenbruchs stand. Es gab kaum Intensivbetten mehr in den Krankenhäusern, für die vielen Covid-19 Patienten.

Von diesem Moment an war die ganze Familie gezwungen, zu Hause zu arbeiten. Meine Frau kann Home-Office machen, und meine beiden Töchter haben per Videokonferenz, Zugang zum Schulunterricht. Zum Glück haben wir eine Terrasse und einen kleinen Garten, und dort poliere und beende ich von Hand die Skulpturen, die ich mit dem Auto nach Hause gebracht hatte. Zu der absoluten Ausgangssperre kann ich also sagen, dass ich diese Zeit gut nutzen kann. Ich genieße auch den engen Alltag mit meiner Familie, wo alle täglichen Aufgaben abwechselnd verteilt sind. Kochen, Putzen, Einkaufen oder die gemeinsame Gymnastikübung im Wohnzimmer.

-Glaubst du, dass diese Erfahrung deine zukünftige Arbeit beeinflussen wird? Zu den Themen oder der Art und Weise, wie du die Arbeit verstehst? Und wirtschaftlich?

Sicherlich. Wenn, wie bei den meisten Künstlern, alle Arbeiten eine autobiografische Komponente haben, dann spiegeln sich unsere Erfahrungen, Ängste und Wünsche immer in den Werken wider, die wir erschaffen.Wirtschaftlich gesehen weiß ich nicht was die Zukunft bringen wird. Alle Ausstellungen und Messen die ich geplant hatte, sind abgesagt worden. Demnach ist es derzeit schwierig eine Prognose abzugeben. Doch eins ist klar: Die Förderung und der Verkauf von Kunst, muss aktuell vor allem über die sozialen Netzwerke im Internet laufen. Auch die Galerien werden auf diesem Weg versuchen müssen ihre ausgestellten Arbeiten zu bewerben. Doch der endgültige Erwerb eines Werkes wird weiterhin ein intimer und gemeinsamer Akt zwischen dem Käufer, der Galerie und dem gewünschten physischen Werk bleiben. Leider ist die dritte Dimension der Skulpturen in digitalen Bildern nur schwer wahrnehmbar, all ihre Qualitäten und Details gehen verloren, wenn man sie sich nicht live anschaut und sich ihre Oberfläche nicht ansehen kann.

Nichtsdestotrotz kann ich mich nicht beschweren. Viele Fragen erreichen mich derzeit, zu den Skulpturen: Welche Materialien wurden verwendet? Darf die Skulptur draußen stehen? Welcher Text befindet sich auf der Arbeit? Kann die Skulptur aktuell geliefert werden? Dies waren die häufigsten Fragen, die ich in diesen Tagen von der Galerie erhalten habe, und zwar in größerer Zahl als vor der Isolation.

Letztendlich konzentrieren wir uns in dieser Pandemie mehr auf die Dinge, die uns am nächsten liegen und uns umgeben. Wir beschäftigen uns mit den Gegenständen, die uns begleiten oder die wir in unserem Leben zurücklassen. Die oberflächlichsten Dinge wie das äußere Erscheinungsbild, Mode und Körperhaltung verlieren zunehmend an Bedeutung. Wir befinden uns in einer Zeit, in der wir anfangen viele Dinge zu hinterfragen.

-Deine Werke in der Ausstellung, die wir zeigen, kombinieren Stein, normalerweise Marmor und Eisen oder Stahl. Trotz so unterschiedlicher Materialien gelingt es dir, eine ganz persönliche Harmonie zu schaffen, die dich identifiziert. Technisch gesehen ist es auch nicht einfach. Warum und zu welchem Zeitpunkt hast du dich für diese Materialkombination entschieden?

Schon in sehr jungen Jahren arbeitete ich als Lehrling in einer Werkstatt. Ich fertigte Stein- oder Marmorskulpturen für andere Künstler.

Dort erlernte ich sehr gut die Technik des Schnitzens, die Oberflächenbeschaffenheit und die Qualitäten, die ich aus diesen Materialien herausholen konnte. Doch mich reizte bis dahin nie die ästhetische Herausforderung, die diese Materialien mit sich bringen. Erst als ich anfing an der Uni zu studieren, begann meine Neugierde der Verwendung und der Konfrontation mit unterschiedlichen Materialien. Ich beschloss Eisen und Stein in Knotenformen zu verbinden, dies hatte vorher noch nie jemand gemacht. Diese Herausforderungen und meine eigene Biographie machen die Art von Skulptur, die mich auf eine sehr persönliche und erkennbare Weise identifiziert.

-Normalerweise integrierst du Text oder Partituren in deine Werke. Was bewegt dich dazu, dies zu tun?

Ich glaube, dass die Aufnahme des Textes auf zwei sehr persönliche Ereignisse in meinem Leben zurückzuführen ist. Die erste war ein Zufall: Ich habe eine Marmorskulptur auf einer alten Zeitung nass poliert. Der Zeitungstext, bzw. die Tinte des Textes, hat den Marmor so stark imprägniert, dass ich sie nicht mehr entfernen konnte. Aus dieser Erfahrung und der Entwicklung, die ich aus dieser Technik gemacht habe (bessere Tinten, Säuren und Computerverformung des Textes in die gewünschte Form), habe ich etwas Einmaliges in der heutigen Welt der Kunst erreicht. Der zweite Grund war die ständige Einweisung meiner Mutter in eine psychiatrische Klinik. Sie litt an schweren Depressionen. In der Widmung meines zweiten Katalogs, als sie bereits verstorben war, drücke ich es kurz so aus:

"An meine Mutter,

 die durch die lange Passage einer Nervenklinik wanderte, als ihr Körper sich für sie entschied. Nichts kommunizieren...  nichts sagen"

Daher vielleicht all diese Knoten und Texte, wie eine Besessenheit zu kommunizieren. Und die Musik hilft mir vielleicht, alles zu befreien.

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