Magazin - Lídia Masllorens. Mai 2020

Pitu Basart bringt uns die Routine der Künstlerin Lídia Masllorens in ihrem Atelier näher und beschreibt alles, was durch ihre Hände und ihren Kopf geht.


SCHAUEN, SUCHEN, FINDEN 

Aufstehen. Einen Milchkaffee trinken, um zu wissen, dass die Welt warm ist, wenn die Hände das Glas umarmen. Langsam und stetig gehen: Die Hände in den Taschen, das Herz mit langsamen Schlägen. Die Außentür mit dem Schlüssel und einem kräftigen Tritt öffnen. Sie schließen und eine weitere öffnen. Die Halle betreten. Sehr hohe Eisenträger, Well- und Styroporplatten: Gescheiterte Versuche von dem, was unmöglich zu isolieren ist. Meine Schuhe abtreten, zum Kaminofen gehen und ihn anzünden. Prüfen, ob es noch genügend Pellets gibt. Welche hinzufügen, falls es nötig ist.

Zum Tisch gehen, den Computer hochfahren, die Mails lesen: Fingererwärmung; Instagram durchscrollen: Herzerwärmung. Mich umziehen: Pyjamahose, dicke Socken, Plüschpullover. Auf das alte „Barceló“ im Hintergrund schauen. Den Blick wenden.  Das Bild von vor drei Tagen ansehen. Es nochmal intensiv ansehen. Mich dem von vorgestern zuwenden. Es berühren, um sicher zu sein, dass es trocken ist. Es Teil für Teil vom Boden aufheben. Eins, zwei, drei, vier, fünf und sechs. Den Tacker laden. Es Teil für Teil an die Holzplatte heften: eins, zwei, drei, vier, fünf und sechs. Zur Seite treten. Es ansehen.

Mich nähern. Mich entfernen. Kommen und gehen. Betrachten und betrachten. Nachdenken. Den Blick schärfen, das Bild wieder fokussieren. Stehenbleiben. Einen Moment verharren. Alles noch einmal in Gedanken betrachten. Mich anpassen, von Null bis Unendlich.

Genug!

Das Radio einzuschalten, um den Kopf frei zu bekommen. In dem Lärm die Erlösung meiner Zweifel finden. Zum Ries gehen. Die Papierbögen entnehmen. Sie mit dem Cutter zuschneiden. Den Tacker nehmen. Die Papiere an der Holzplatte befestigen. In der Zwischenzeit: nachdenken.

Mechanisch arbeiten und denken. Die Folie über das Papier legen. Den Projektor einschalten, um die Umrisse zu markieren. Die Konturen des Gesichts umfahren. Die Form des Auges, der Lippen und der Nase treffen. Zurücktreten und betrachten. Zum Kinn zurückkehren. Es andeuten. Aus mir herausgehen, voranschreiten, damit sich alles ändert. Ohne Furcht. Die Folie abheften und ausbreiten. Sie auf den Boden platzieren und auf die Holzplatte heften. Auf dem Papier die dunklen Bereiche suchen. Schattierte Grau- und verdünnte Schwarztöne. Verblichenes und glänzendes Weiß. Versuchen, das fehlende Glied in der Kette zu finden. Schwarz und Weiß betrachten und auch darüber hinaus suchen. Neue Wege der Integration entdecken. Im Sessel die Augen zusammenkneifen und erneut betrachten. Und wieder von vorne anfangen. Suchen. Mit dem Blick das Bild zerlegen und wieder zusammensetzen. Mich von der Komfortzone, dem Schwarz, entfernen zur Farbe. Es mir vorstellen. Einen Schatten am Auge retuschieren. Ihn weicher machen. Oder intensiver, wenn es nötig ist.  

Zum Kühlschrank gehen, einen Saft trinken. Mich hinsetzen und nichts ansehen. Grübeln, um etwas zu ändern. Die Form. Die Farbe. Die Synthese suchen, die Grenze der Linie. Figur und Abstraktion. Es sehen und es nicht schaffen. Versuchen, das Minimum zu erreichen und das Maximum auszudrücken. Wegnehmen und hinzufügen. Wegnehmen. Maximalistischer Minimalismus. Vom Nichts zum Allem. Und andersherum. Ein Brötchen essen, um durchzuhalten. Zurückkehren zur Folie. Lappen und Besen vorbereiten. Eimer mit schwarzer Farbe. Und mit Farbe. Die Farbe aufbringen. Sie ausbreiten. Mit einem kräftigen Körperschwung die Haare auf der Folie markieren. Auf den feinen Linien der Stirn. Auf den Wangen. Auf dem zierlichen Hals. Auf den Augen, die fast zufallen. Mit dem Strohbesen darüber gehen, Räume im Weiß öffnen. Zurücktreten und beobachten. Mit dem Lappen weitermachen, der schmutzig und sauber macht. Den Vorgang tausendundein Mal wiederholen. Sich bewusst sein, wohin man gelangen möchte, aber technisch gesehen nicht kann. Wissen, was Du vorhast und nicht nachlassen, es zu lösen.

Aufmerksam sein und den Weg sehen. Es schaffen, sich von dem zu lösen, was zu viel ist. Zum Papier zurückkehren. Es mit Wasserstrahlen einweichen. Ein Blatt Papier abnehmen und wie ein Wäschestück auf der entsprechenden Fläche der Plastikfolie ausbreiten. Liebevoll und feinfühlig. Ein-, zwei-, drei-, vier-, fünf- und sechsmal. Religiöse Kommunion: Papier, Farbe und Folie. Sich der Alchemie anvertrauen, wie jemand, der sich einem Heiligen anvertraut. Oder der Chemie. Oder dem Zufall... Das Radio ausschalten. Den Kaminoffen ausmachen. Die Pinsel reinigen, die Hände waschen. Tief einatmen, um Körper und Seele zu reinigen. Mich umziehen. Die Tür öffnen und hinter mir schließen. Die Außentür öffnen und schließen. Nach sechs Stunden nach draußen auf die Straße treten. Langsam in das „La Coma“ - Viertel, in die „de la Llet und das Firal“ - Strasse gehen.

Und drei Tage später Lippen entdecken, die hecheln, Augen mit einem Funken Unruhe, Süße, Freude... das Leben auf dem Papier finden.

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