Magazin: Dino Valls. Mai 2020

DINO VALLS: ZWISCHEN SCHMERZ UND SCHÖNHEIT

"Das Wahre in der Kunst ist etwas nicht Existierendes. Die Tatsache, dass die Kunstwerke da sind zeigt an, dass was nicht existiert, sein kann "

Theodor W. Adorno

In unserem Alltag sind wir daran gewöhnt, alle Arten von Bildern zu sehen, die durch ihre Häufigkeit und ständige Wiederholung uns nach und nach unempfindlich gegenüber Gewalt, aber auch Schönheit werden lassen. Deshalb wird es immer schwieriger, dass ein Bild, das nocht nicht einmal ein Abbild der Realität darstellt, uns überrascht, trifft, verstört, unangenehm ist oder sich zu unserem Bedauern fest in der Erinnerung verankert. Doch genau diese Reaktionen lösen die Bilder von Dino Valls (* 1959, Zaragoza) beim Betrachter aus, in dem seine Figuren ihn mit ihrem durchdringenden Blick, vor dem es unmöglich ist zu entkommen, direkt konfrontieren.

Valls ist ein Künstler mit einer starken Persönlichkeit, der sich kraftvoll in der aktuellen Kunst durch seine Individualität und kohärenten Solo-Pfad jenseits der momentanen künstlerischen Strömungen auszeichnet. Seine Arbeit beschäftigt sich durch seine erfundenen Figuren, die dekontextualisierten Objekte, die Symbolismen, die rätselhafte Darstellung und die aktualisierten Elemente der Kunstgeschichte mit den Zweifeln, Zwiespälten, Ängsten, Schmerzen und allem, was die Psyche und die unbewusste Welt des Menschen umgibt. Es ist seine persönliche Art, nach Antworten auf die ewigen Fragen zu suchen.

Seine Ausbildung als Künstler ist nicht dem konventionellen Weg gefolgt. Von Kindheit an und dank seines Vaters, Ingenieur von Beruf und passionierter Zeichner, begann er ständig mit den Stiften zu experimentieren. Sein Medizinstudium verband  er immer mit der Kunst, so dass er nach seinem Abschluss nicht als Arzt, sondern als Maler tätig war. Diese medizinische Ausbildung hatte jedoch jahrelang einen enormen Einfluss auf die Thematik seiner Bilder. Durch das Wissen um die Anatomie seiner Charaktere, die Darstellung der medizinischen Instrumente, die kühle Ästhetik, mit Teilen der Erzählung außerhalb der Szene und die Rolle seiner Figuren als passivem Patient hat der Maler sie verletzlich werden lassen. Er zeigt sie hilflos, ängstlich und in ungewöhnlichen Körperstellungen, lässt ihre Körper von fremden Händen manipulieren und damit diese Situationen zu einer künstlerischen Normalität werden, er bedient sich des ärztlichen Blickwinkels, um die Fragilität des Menschen zu reflektieren.

Die Maler, die ihn interessierten, hat er in sich aufgesaugt und zu seinen Meistern gemacht, indem er, ohne jegliche vorherige Anleitung, sowohl ihre Kompositionen als auch ihre künstlerischen Verfahren aktualisierte und reproduzierte: Techniken wie Eitempera, Kaseintempera, Öllasuren und Goldbeschichtungen als Tafelmalerei, Methoden, die er im Laufe seines Werdeganges durch ständiges Versuchen und eigene Erfahrungen angepasst hat. Bei den Meistern handelt es sich um die Maler des Mittelalters, von denen er gelegentlich die Art des Komponierens, den Aufbau seiner Altarbilder oder die Ikonographie der an König Artus erinnernden, oft phantastischen oder monströsen Charaktere übernommen hat. Aber ebenso die Renaissancekünstler des 15., die Manieristen des 16. und die Surrealisten des 20. Jahrhunderts, ohne dabei die konzeptuelle Komponente seiner Werke zu vergessen. Was den Künstler antreibt, ist die Herausforderung, solche Kompositionen oder Inhalte zu aktualisieren und eine interessante Arbeit für die Gegenwart zu erschaffen.

Dino Valls ist daran interessiert, das Innenleben der Figuren zu reflektieren, ihre Ängste und Phobien zu zeigen und starke Emotionen durch ihre Körper, ihre Blicke und all die Requisiten, die sie kleiden und definieren, zu übertragen. Zu den hervorstechenden Elementen, die seine Bilder so kraftvoll werden lassen, gehört der Blick seiner Figuren. Der Blick ist die Brücke zwischen dem, was im Inneren des Charakters geschieht, und dem Zuschauer, der unweigerlich von ihm verfolgt wird. Es ist der erste Peitschenhieb, der oft Überraschung und die Konfrontation mit dem Werk auslöst. Es ist nicht leicht, diesem Blick zu widerstehen, aber dies ist unverzichtbar, wenn man den Inhalt untersuchen und die Betrachtung des Bildes fortsetzen will.

Es wurde bereits erwähnt, dass die Figuren die Frucht seiner Vorstellungskraft sind, weil er keine echten Personen porträtiert, sondern alle einem, von dem Künstler verfolgten und idealisierten, Schönheitskanon gehorchen: Er ist meist weiblich, mit heller Haut, blauen Augen, weichen anatomischen Zügen, stilisiertem Körper, nackt oder geschmückt mit reich bestickten Stoffen, die den Kopf oder Körperteile bedecken. Die Dargestellten zeigen oft beabsichtigte Wunden auf ihrer Haut, die dem Thema des Gemäldes gehorchen, oder sind in absurden oder schmerzhaften Situationen gefangen.

Im Gegensatz zu anderen zeitgenössischen Künstlern benutzt Valls nicht die Fotografie als Vorlage für die Zeichnung oder Farben, sondern allein seine Vorstellungskraft ist die Quelle dieser enormen technischen Fähigkeiten. Das Szenario, in dem der Protagonist situiert wird, vervollständigt das Thema des Werkes, indem es auf den Hintergrund oder die Objekte, die erscheinen, Bezug nimmt. Es ist ein Spiel der Kräfte zwischen den Elementen, ein zu entschlüsselndes Rätsel. Diese Eigenschaft erklärt zusammen mit der Schwierigkeit der verwendeten Bildtechniken, wie viel Zeit der Künstler in jedes seiner Gemälde investieren muss. Allein die Entwicklung des Themas kann Monate dauern.

Die Werke erscheinen oft als Altarretabel. Dies ermöglicht es dem Künstler mit der traditionellen Bildfläche zu spielen, sein Volumen zu variieren und ein mehrfach diskontinuierliches Werk zu präsentieren, was das thematische und kompositorisches Resultat verstärkt. Dies ist beispielsweise der Fall von Dies irae (2012), Labor intus (2014), Mare Incognito (2015) oder Diorama (2016). In all diesen Polyptychen ist eine zentrale Szene von größerer Bedeutung in dem Bild, das von zwei bis sechs Seitentüren begleitet wird, deren Innenoberfläche die Hauptszene mit zusätzlichen Fragmenten komplettiert. In anderen Fällen, in denen die Arbeit eine einzige Oberfläche einnimmt, ist diese nicht nur quadratisch oder rechteckig, sondern stellt oft eine abgerundete Spitze dar, wie zum Beispiel im Fall von Aurum (2014). Die Titel der Werke sind immer in lateinischer Sprache.

Es ist hier nicht weiter möglich, auf bestimmte Details einzugehen, aber ich lade Sie ein, die Elemente der Gemälde genau zu beobachten, um die Arbeit von Dino Valls zu entdecken, einem Werk zwischen Schmerz und Schönheit, gelegen in der Gegenwart.

Carmen González-Borrás.

Der Artikel wurde in der Zeitschrift Milionart Kaleidoscope 2.18 veröffentlicht.

Diese Webseite verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu.

Mehr Infos hier

Ich stimme zu