Magazin - Wilde Erzählungen I

JUANA GONZÁLEZ. MOLOTOV

Wie Sie wünschen, Sir! Ich stehe Ihnen gänzlich zur Verfügung. Sie befehlen und ich gehorche. Sie bitten mich um etwas und ich bringe es Ihnen. Sie sagen es mir und ich höre zu, still und leise. Ich sage nichts, aber ich denke. Mein Denken ist frei und ungehorsam. Mein Handeln ist unterwürfig und gehorsam. Ich habe keine andere Funktion, als meinem Herrn zu dienen: Ich gehe auf seinen Ruf hin, seine Stimme klingt in meinen Ohren und lässt meinen Körper sich auf ihn zu bewegen, wie ein Tänzer. Ich spüre seine Anwesenheit, und ich bin bereits in Aktion und versuche, seine Wünsche, seinen nächsten Satz zu erraten. Ein guter Diener muss der Stimme seines Herrn voraus sein.

Letzte Nacht habe ich geträumt, dass ich selbst Wünsche habe, und bin mitten in der Nacht aufgestanden. Ich wünschte mir, Musik zu hören und dass die ganze Atmosphäre von der Partitur durchdrungen wäre. Es war eine leichte Musik, freundlich, es machte mir Freude, nichts anderes als diese Musik zu hören. In meine besten Kleider gekleidet, bereitete ich mich darauf vor, den Wein zu servieren, ein weiteres meiner Vergnügungen als Diener. "Ihr Lieblingswein, mein Herr!" Mein Herr schlief noch, als ich mich auf dem feuchten Rasen von dem Haus entfernte und Mozarts Musik in der Ferne zu einem schallenden Trommelschlag geworden war.

JUANA GONZÁLEZ. MEDITATION

Wie soll ich gut zu mir selbst sein? Was tun, wenn das Vergessen nicht eintritt? Ich weiß, dass es Menschen gibt, die leicht vergessen, nicht wissen, in welchem Jahr dieses oder jenes passiert ist, weil die Zeit zu einer bloßen Idee wird. Die Vergangenheit verschwimmt bei ihnen, und es bleiben ihnen nur Erinnerungsfetzen, die sie in irgendeiner Spalte ihres Gehirns aufbewahrt haben und die, ohne Absicht, auftauchen, wenn sie nicht erwünscht sind. Aber ich kann nicht vergessen. Ich werde noch krank davon, mich an alles erinnern zu können, an jede Geste ihres Gesichts, jedes Lächeln, die Zeichnung der Silhouette ihres Rückens, während sie nackt in meinem Bett auf mich wartete. Ich bin ständig unruhig und versuche, all diese süßen Momente aus meinem Kopf zu löschen. Ich will das nicht! Es ist eine fortwährende Qual, und ich möchte jedes Detail auslöschen, all jenen Teil meines Lebens wegblasen, der mich quält und von dem ich mich nicht befreien kann. Ich weiß nicht, ob die Abstinenz von Opium oder Heroin mildere Schmerzen hervorruft als diese, die ich wegen ihrer Abwesenheit empfinde. Die Erinnerung an sie verfolgt mich, und ich kann jede mit ihr erlebte Stunde simultan sehen. Alles kommt mir gleichzeitig in den Sinn.

Eine Trompete lässt die traurigsten Jazz-Töne der Welt erklingen, und ich höre sie in meinem Kopf widerhallen und meine Tragödie begleiten. In anderen Momenten mag es schöne Musik gewesen sein, jetzt aber ist es nur der Soundtrack zu meinem Elend. Ich möchte allein sein, aber dieser fast vierhundert Jahre alte Jagdhund weicht nicht von meiner Seite und starrt mich an. Er, der Teil der Historie ist, wird auch Teil meiner Geschichte sein.

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SILVIA LERMO. Währenddessen sind meine Lungen noch immer mit dem sumpfigen Rauch deines Abschieds gefüllt.

Ich habe geträumt, dass ich bei dir war, dass wir zusammen waren. Obwohl wir uns nicht berührten, fühlten wir uns einander nahe in dieser seltsamen Landschaft, in der fast alles brannte. Der Rauch drang überall ein und wollte unsere Blicke entzweien, und obwohl er meine Lungen füllte, konnte ich dich von Zeit zu Zeit sehen, während ich auf diesem schwarzen, sumpfigen Boden ging. Du warst ruhig, unversehrt, genau so, wie ich mich an dich erinnerte, wie du auf deinem Stuhl saßt und dir Geschichten ausdachtest. Das grau-weiße Pferd aus meiner Kindheit fügte sich wie ein Chamäleon in die Landschaft ein. Ich dachte, dass du von einem Moment auf den anderen aufsteigen und wieder reiten würdest, um weit weg zu gelangen. Schon wieder. Ich wollte, dass du dich nicht aus deinem Stuhl wegbewegen würdest, dass du mich weiter ansehen und ich dich weiter ansehen würde.

Obwohl ich kein Kind mehr war, war dein Gesicht nicht gealtert und war immer noch schön, so wie ich es mir jeden Tag in all den Jahren vorgestellt habe. Und dein Körper war stark, robust. Die Form deines Körpers ist mir noch nie aufgefallen, als Kind hat man wohl einen anderen Blick. Es war schön, dich wiederzusehen, dich mir vorzustellen, dich so nah zu spüren. Ich musste dich so dringend sehen! Der Rauch wurde immer dichter, ich versuchte, dich zu erreichen und dich zurückzuhalten, ohne Erfolg. Es vergingen Sekunden, die mir wie Stunden erschienen. Der leere Stuhl war das einzig Sichtbare. Dein wortloser Abschied ließ mich wieder allein, als ich aufwachte.

SILVIA LERMO. Mit deinem an meine Schläfen gehefteten Bild. Der Durst nach Leere...

Ich habe den letzten Krug Wasser verschwendet und jetzt habe ich Durst. In einem Wutanfall warf ich das Kostbarste, was ich hatte, weg, ohne auch nur   eine Sekunde über meine Zukunft nachzudenken, an die kommende Stunde, in der mein Körper nur noch durstig sein würde. Jetzt dürstet es mich nach allem: den Liebesnächten bis zum Morgengrauen, deinem schallenden Lachen, deinen beunruhigenden Blicken, die meine Augen durchbohrt haben. Ich bin durstig nach deinem Geschmack, deinem Geruch, deiner Liebe. Und ich habe nur Salz um mich herum in dieser endlosen Landschaft, weiß wie Schnee, aus der ich aber keinen einzigen Tropfen Süßwasser gewinnen kann. Hier bin ich, mit deinem an meine Schläfen gehefteten Bild. Deine Lücke trocknet meinen Körper aus, dehydriert ihn gnadenlos und ich tue nichts, um es aufzuhalten. Vielleicht könnte ich mir den Kopf wegpusten um dich nicht mehr vor mir sehen. Wäre das eine Lösung? Meine Finger haben nicht die Kraft des Abzugs. Was soll ich mit der Erinnerung an dich machen?

Ich spüre unter meinen Füßen den rauen Salzboden, das knisternde Geräusch, das jede kleinste Bewegung meiner Zehen verursacht, es ist ein neues und zugleich vertrautes Gefühl. Ich glaube, ich habe das einmal gespürt, aber ich habe es nicht wahrgenommen. Ich beobachte, wie meine Füße einsinken und sehe die Schönheit des Augenblicks. Der Schatten meines Körpers wirft sich auf die weiße Oberfläche und ich erkenne mich zum ersten Mal. Ich habe Durst und möchte ihn mit Wasser stillen.


Texte: Carmen González-Borràs

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