Magazin - Juana González

Juana González. Eine wilde Erzählerin: Bilder, die uns bewegen

Der Schriftsteller Gabriel García Márquez gestand, dass er, als er als junger Mann Die Verwandlung von Franz Kafka las, eine Art Epiphanie erlebte. Ein riesiges Fenster öffnete sich vor seinen Augen, denn in diesem Moment wurde ihm bewusst, dass die Freiheit des Schriftstellers unendlich war, dass er sagen konnte, was er wollte, ohne auf Logik zu achten. Und tatsächlich scheint mir dies eine gute Parallele zu sein, um auf das malerische Werk der Künstlerin Juana González einzugehen.

Es ist nicht üblich, im spanischen Kunstpanorama Künstler zu finden, die sich der erzählerischen Figuration widmen, und weniger aus einer so freien Perspektive heraus wie der dieser Künstlerin. Die Betrachtung eines ihrer Werke provoziert beim Betrachter einen Ruck, der Körper reagiert mit einem Gefühl der Unsicherheit, manchmal mit einem gewissen Widerstand im ersten Moment. Die Komplexität der Bilder belebt solche Momente. In einer Welt, die von Visualität beherrscht wird, ist es wirklich wertvoll, vor Werken zu stehen, die uns zu einer Auseinandersetzung damit einladen.

Um ihre Gemälde zu schaffen, fängt die Künstlerin manchmal Bilder ihrer Träume ein, da ihre Traumwelt keiner Erklärung bedarf. Oftmals findet sie selbst keine Antworten auf die Frage, warum bestimmte thematische Elemente im Bild auftauchen. Andere Male lässt sie sich von Empfindungen mitreißen, um ihre Bilder zu konstruieren: Das sind ihre Eindrücke von alltäglichen Aspekten, politischen oder sozialen Themen oder die Emotionen, die eine Musik, ein Film oder ein Theaterstück hervorrufen.

Für ihre Kompositionen assoziiert sie unabhängige Bilder in ein und demselben Werk, die eine Art Collage bilden, in der die Summe der Szenen das endgültige Ganze ergibt. Indem sie die Farben und Größen zwischen den Motiven differenziert, schafft sie Distanzen im Bild. Die Aktionsebenen sind auf diese Weise sehr differenziert und in ihnen treten unterschiedliche Ereignisse auf. Um diese Diskrepanz zwischen ihnen hervorzuheben, sind auch die verwendeten Farbpaletten zwischen einigen Szenen und anderen autonom, so dass die Farbe zusammenwirkt und die Trennung der Themen voneinander unterstreicht. Die Farbe nimmt trotz allem die Herausforderung an, sich zu vereinen, und ist deshalb genauso wichtig wie das Thema. Ich denke, dass beide Elemente, Farbe und Thema, sich die Protagonistenrolle des Gemäldes zu Fünfzig Prozent teilen. Die Palette, die gewöhnlich verwendet wird, zeugt von starken Kontrasten, die dem Betrachter sogar unharmonisch erscheinen können. Dies wird von der Künstlerin tatsächlich angestrebt und ist Teil des Investigationsprozesses ihrer Malerei.

Ein weiteres wesentliches Merkmal der Arbeit von Juana González ist die Wahl des Formats. Für die meisten ihrer Werke wählt sie große Formate, weil sie so die Komplexität der Themen zum Ausdruck bringen kann. Bei einigen Gelegenheiten hat die Künstlerin erklärt, dass ihre Gemälde inszeniert sind und daher der Raum des Gemäldes wichtig ist. Es existiert eine Art Theatralik, eine notwendige Monumentalität, in der das gewählte Format dazu beiträgt, dass ihre Erzählung mit zahlreichen Nuancen vervollständigt werden kann.

Im Werk von González beobachten wir einerseits jene narrative Figuration, in der die seltsamen Figuren Mutationen erleiden, einen Teil ihrer Anatomie vervielfältigen oder verändern oder die Szenen, an denen sie nicht teilnehmen, gleichmütig betrachten. Das Werk zeigt somit mehrere Lesarten für den Betrachter, der gefangen genommen ist von dem Versuch, den Inhalt zu entziffern. Auf der anderen Seite sticht die Bearbeitung der Oberfläche hervor, wo die Farbe sich dick aufgetragen präsentiert, vor allem in den Bereichen der freien Pinselstriche, ohne figuratives Motiv, die zur Bereicherung des Bildganzen beitragen. Wir sprechen von der Malerei mit Großbuchstaben, wo, ohne danach zu suchen, figurative und abstrakte Malerei zu finden ist, da eine relevante Faszination der Künstlerin diejenige ist, die sie für die Abstraktion empfindet. Das Ergebnis davon ist der ständige, und gleichzeitig nachgiebige Kampf in den Werken gegen die abstrakten Elemente, die sich in das narrative Gefüge einschleichen.

Hervorzuheben ist auch die Hommage der Künstlerin an die Malerei der spanischen Meister, insbesondere des Barock. Diese Vorliebe für den Obskurantismus, der so typisch spanisch ist und nicht so sehr in gedämpften Farben, sondern im Auftreten der Charaktere liegt, ist Teil ihres bildnerischen Skeletts. Der stets präsente Pinselstrich von Velázquez, das Konzept der Landschaft des 17. Jahrhunderts und der Naturalismus der in Aktion gezeigten Figuren bilden das für das Werk notwendige Konglomerat von Elementen. Es ist ganz anders, die Werke der Künstlerin live zu sehen, gerade wegen dieses Rhythmus der Pinselstriche und ihrer Oberflächen, der bei Fotografien schwer zu beobachten ist.

Auch der persönliche Stil von González ist im spanischen Panorama ungewöhnlich, da sich nur wenige Künstler für narrative Figuration entscheiden. Nicht so sehr jedoch im internationalen Panorama, mit wichtigen Beispielen wie Neo Rauch. Dieser Künstler ist von entscheidender Bedeutung für die Laufbahn der Künstlerin, nicht aufgrund seines Einflusses im rein bildnerischen Sinn (ein Vergleich ist so gut wie ergebnislos), sondern aufgrund der emotionalen Unterstützung, die die Künstlerin erfuhr, als sie dessen Werk kennenlernte. Jene Epiphanie des Schriftstellers ist in diesem Moment mit der, die die Künstlerin erlebte vergleichbar. Für sie öffnete sich das Fenster der Freiheit, indem ihr bestätigt wurde, dass sie sich ausdrücken könne, wie sie möchte, ohne Komplexe und ohne die Ismen der Kunst zu bedienen.

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Auch andere Künstlerinnen und Künstler spielen im Werk von Juana González auf der emotionalen, nicht der technischen Ebene eine Rolle, indem sie zur Schaffung der expressiven Ausdrucksform der Künstlerin beigetragen haben. Ich zitiere unter anderem: Luis Gordillo, von dem sie ihre Haltung gegenüber dem Kunstwerk gelernt hat, Abraham Lacalle, von dessen Enthemmung im Umgang mit Farbe sie getrunken hat. Mit Adrian Ghenie teilt sie die Huldigungen an die Geschichte der Malerei, um tatsächlich historische Motive auf ihr eigenes Terrain zu bringen, und ich würde sogar den Filmemacher Buñuel zitieren, von dem sie in ihrer Obsession beeinflusst ist, zu reinigen und immer die Essenz anzubieten.

Um nur ein Beispiel aus ihrem Werk zu nennen: In dem Gemälde Meditation ist das Hauptthema von der vierarmigen Figur besetzt, die sich in der Mitte der Szene bewegt. In jeder ihrer Hände suggerieren verschiedene Gegenstände unterschiedliche Lesarten. Vorne, der Podenco, der dem Gemälde von Velázquez huldigt, ist das Spiegelbild des Originals auf dem Gemälde des Meisters Der Kardinal Infante Don Fernando de Austria cazador. Die Farben des Werkes gliedern sich in drei verschiedene Bereiche, mit denen die Künstlerin die Tiefe des Gemäldes erzeugt: einen braunen, auf der rechten Seite, in dem ein Hintergrund aus Steinen und Holz zu sehen ist und der im Vordergrund aus einigen starken abstrakten Linien mit dickem Farbauftrag besteht, einen grünen, rechts von der Figur und einen bläulichen, in dem sich das Tier im Vordergrund der Szene befindet. Alles hat eine starke Einheit, obwohl in Wirklichkeit jeder der Bereiche seine eigene, separate Einheit hat. Diese Summe von Elementen ist es, die beim Betrachter ein erstes Gefühl des Widerstands hervorruft, denn es gibt etwas, das nicht der erwarteten Ordnung folgt und das auf einer unbewussten Ebene agiert. Nur durch eine langsame Beobachtung nach diesem ersten Eindruck ist es möglich, die Gesamtheit und Komplexität der Werke zu erfassen. 

Wir befinden uns vor einer Künstlerin, die ständig entdeckt werden will. Jedes ihrer Werke lädt den Betrachter ein, in das Unbekannte einzutreten, sich mit dem Gefühl der Figuren zu identifizieren und seine eigene wilde Erzählung zu kreieren.

Text: Carmen González-Borràs

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