Magazin - Wilde Erzählungen II

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JUANA GONZÁLEZ. ORANTEN

An wen richte ich mein Gebet? Ich knie nieder wie die Könige, meine Knochen können die Härte des Bodens berühren, und das bereitet mir Schmerzen. Ich brauche weiche Kissen, die mich auf sanfte und angenehme Weise erhöhen. Ich kann mich nicht konzentrieren, wenn ich den Schmerz in meinen Knochen spüre. Ich lege meine Knie dorthin, wo ich in anderen Momenten meinen Kopf ausruhe und träume. Ich bedauere meine schlechten Handlungen und schlechten Gedanken. Ich muss darüber nachdenken. Meine Hände haben Schwierigkeiten, zusammenzukommen, sie sind schmutzig von der täglichen Arbeit, die vielleicht keine ehrliche Arbeit ist, aber in diesem Fall bedauere ich den Mangel an Ehrlichkeit.

Ich bin ein Mann, der sich der Wissenschaft verschrieben hat, dem Beweisen der Wahrheit, die mit Zahlen und Diagrammen gezeigt und demonstriert werden kann. Ich lebe in einer konkreten Welt, in der ich kaum glaube, was ich nicht sehe. In dieser Nacht, die den Anschein einer letzten Nacht hat, an diesem Rand meiner Welt, wo ich errate, wo der Horizont und das Licht enden, schließe ich meine Augen und versuche, mein Gebet zu führen, um meine Seele zu beruhigen. Ich weiß nicht, an wen ich mich wenden soll! Ich versuche, in meiner Erinnerung zu suchen, in den erlebten Momenten und denen, die ich mich nicht getraut habe zu erleben. Ich versuche, diejenigen nachzuahmen, die an das Beten gewöhnt sind, diejenigen, die sich leeren, während ihr Herz brennt. Wann werde ich diesen Punkt erreichen? Ich warte und lasse unendlich viel Zeit verstreichen, indem ich versuche, mich mit meinem Selbst zu treffen, ohne Störungen. Es ist eine Sache der Konzentration, wie ich es immer tue. Es fällt mir schwer, meine Überzeugungen und mein Gedächtnis loszulassen. Es ist schwer für mich, mit mir allein zu sein. Und in diesem Raum und in diesem Augenblick spüre ich die Gegenwart anderer Wesen: Ich bin nicht allein.

JUANA GONZÁLEZ. KRIEGERIN

Immer wachsam, einen permanenten Krieg führend. Du, Lilith, bist geflohen, als Adam sich bei Gott beklagte, dass er sich eine gefügigere Gefährtin wünschte. Und als du dann in Gestalt Evas kamst, wurden wir aus dem Paradies vertrieben. Dann musstest du die Büchse des Unglücks öffnen. Aus der griechischen Mythologie und biblischen Erzählungen wissen wir von deiner Rolle und wie du behandelt werden solltest. Mit der Inquisition wurdest du zur Hexe, und selbst Darwin, der alle Evolutionen bestätigt hat, war imstande die deine zu verleugnen. Später kamen diejenigen, die sich über deine Aufgaben im Klaren waren, vor allem der ersten: Gebären und Stillen wie alle anderen Tiere. In der Geschichtsschreibung wurde vergessen, wo du dich in Kriegszeiten befunden hast, als wärst du nicht mit Schwert oder Schusswaffe bereit gewesen zu kämpfen. Historiker übersehen manchmal gerne deine Rolle. 

Die Sprache ist seit Jahrhunderten damit beschäftigt, deine Unterlegenheit zu verdeutlichen, nach Sprichwörtern zu suchen, um deine Unfähigkeiten hervorzuheben, dich mit dem Schlechten und Negativen, dem Schändlichen und Unsäglichen in Verbindung zu bringen. Du standst immer unter Verdacht, entweder du konntest deine Unschuld beweisen oder du wurdest für schuldig erklärt. Es wurde oft darüber diskutiert, ob man dir das Recht auf Mitsprache, zur Wahl, auf Bildung oder der Ausführung eines oder mehrerer Berufe erteilen sollte. Wärst du dazu in der Lage? Es war schwer das zu glauben. Du warst das Objekt der Zurschaustellung und des Begehrens, des Gebrauchs und des Wegwerfens. Dein Körper muss strenge Regeln befolgen. Und du solltest keine Lust empfinden, das wird nicht gern gesehen. Zu dir gehört Diskretion und Leid, das wiederum wird gern gesehen. Du musst dich in Unterwürfigkeit üben und nützlich sein, vor allem nützlich. 

Du bist es gewohnt, den Rauch von allem zu riechen, was brennt, nicht in Ohnmacht zu fallen, der Welt mit deiner Energie entgegenzutreten, ohne deine Müdigkeit zu zeigen. Du weißt nicht, wann dies enden wird, und du hast keine andere Wahl, als ohne Pause weiterzumachen. Weißt du, was du bist, Kriegerin? Mir fällt nur ein Wort ein: Frau.

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SILVIA LERMO.        ...das oxidierte Salz, das immer, immer lügt.

Manchmal muss ich allein sein, mit mir selbst sein. Ich frage mich, was ich will und was ich nicht will, was ich tue, wovon ich träume, was ich vermisse. Ich frage mich, ob ich das richtig gemacht habe, oder ob ich es besser machen kann. Wie kann ich ein besserer Mensch sein, oder wie viele Jahre will ich das, was ich tue, noch tun. Als ob ich eine dieser Antworten wüsste! Es ist wie ein Ritual mit mir selbst, bei dem ich mich danach besser fühle, nicht weil ich Antworten gefunden habe, sondern weil ich mir Fragen stellen konnte. Und auch, um still zu sein, ruhig, meinen Geist zu entleeren. Es ist wie aus dem Rhythmus herauszukommen, den andere mir aufzwingen, und meinen eigenen zu finden. In meinem Rhythmus ist alles im Einklang, alles bewegt sich mit der richtigen Geschwindigkeit, es gibt keinen Grund, plötzlich anzuhalten oder zu beschleunigen. Wenn ich ganz bei mir bin, verweilt mein Blick manchmal auf der Salzlandschaft und ich entdecke Bereiche, in denen das Salz oxidiert. Ohne es zu wollen, absorbiert es irgendein eisenhaltiges Mineral und zeigt sich dunkel, gealtert. Es ist wie ein geschwärzter Fleck in der weißen Landschaft, ein Schatten, eine Ablenkung, eine Lüge im Diskurs.

Ich komme wieder zu mir um zu versuchen, mir weiter Fragen zu stellen.

SILVIA LERMO. Mein Herz trabt wie ein verwundetes Pferd, und das Salz wird immer gröber und gröber...

Diese Winde gehören mir für immer. Ich erkenne sie als meine eigenen an und von niemandem sonst. Sie tragen mich mit sich hierher, zurück nach Hause. Jede Kurve der Landschaft, jedes Grün der Blätter, jedes Blau ihrer Gewässer und jedes Grau ihrer Felsen. Alles gehört zu mir und ist in mir gewachsen. Mein Körper kümmerte sich darum, alles aufzubewahren, und mein Verstand, wie ein perfektes Kontrollzentrum, gab jeder einzelnen meiner Erinnerungen einen schönen Platz. Zurückzukehren bedeutet, mein Herz traben zu spüren, aber nicht wie in meiner Kindheit. Jetzt trabt es wie ein verwundetes Pferd, in einem anderen Tempo, vielleicht mit einer gewissen rhythmischen Veränderung. Das spielt keine Rolle. Wunden heilen, fast alle. Man muss nur die Formel finden und genug Geduld haben. Manche hinterlassen Narben, aber man gewöhnt sich daran, dass sie Teil deiner Haut sind. Ich bin hier und fühle mich nicht leer. Ich habe so viele Erinnerungen, dass ich drei Leben mit ihnen leben könnte.

Ich mag diese Landschaft aus meiner Kindheit, auf der Salzoberfläche zu sitzen und zu merken, wie das Salz jedes Mal immer gröber wird, wenn die Sonne am höchsten steht. Und ich höre auch das erschütternde Geräusch der sich unter meine Fingernägel grabenden Salzkörner, beim Versuch diese mit der Hand abzutragen.

Texte: Carmen González-Borràs

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