Magazin - Lluís Cera

POESIE IM MATERIAL

Der international bekannte und renommierte Bildhauer Lluís Cera ist ein wahrer Virtuose seines Fachs, wenn es darum geht massive und schwere Substanzen in die gewollte Form zu bringen. Seine bis ins Monumentale reichenden Skulpturen sind sowohl im öffentlichen Außenraum als auch in Innenräumen zu finden und faszinieren immer wieder aufs Neue. Durch die präzise und gleichzeitig sensible Arbeitsweise mit herausfordernden Materialien entstehen großartige Werke wie die, die wir aktuell in unserer Ausstellung Festhalten zeigen.

Die Arbeit des katalanischen Künstlers lebt von Kontrasten, die subtil und auf wahrlich poetische Weise ausgespielt werden. Das Material spielt eine vorherrschende Rolle, wobei er bevorzugt Stein oder verschieden farbigen Marmor verwendet, meist in Verbindung mit Eisen, Aluminium oder Stahl. Diese Kombinationen erscheinen ineinander verschlungen, verknotet, aber vor allem weich und formbar mit Oberflächen so samtig und glatt, dass sie zum Anfassen anregen. All diese Assoziationen stehen jedoch im kompletten Gegensatz zu den eigentlich massiven, starken und festen Materialeigenschaften, wodurch ein interessantes Spiel mit der Wahrnehmung, zwischen Schein und Sein in Gang gesetzt wird.

Im Allgemeinen kombiniert Cera in einer Skulptur zwei Materialien, die sehr unterschiedliche Eigenschaften haben: Eisen und Stein. Um seine komplizierten Knoten zu formen, muss er die Stücke mit Präzision zuschneiden, damit beide Materialien zusammenpassen und jenes Gefühl von Natürlichkeit erzeugen. Die fließende Kraft der Materialien erzeugt in den Augen des Betrachters eine poetische Illusion, der man sich nur schwer entziehen kann. 

Neben den kontrastierenden Materialien sowie den runden, eckigen und kantigen Formen, die zu einer harmonischen Einheit der Skulpturen beitragen, geht Cera noch eine weitere Verbindung ein: mit der Literatur und der Musik. Auf originelle Art und Weise integriert er Textfragmente verschiedener literarischer Werke oder Teile von Musikpartituren, indem diese auf die Oberfläche aufgetragen oder eingemeißelt werden. Die Bedeutung der Worte ist in ihrer Funktion als Form der persönlichen Kommunikation mit dem Betrachter grundlegend für den Künstler. Daher sind literarische und musikalische Bezüge ein wiederkehrendes Element in Ceras Oeuvre und eröffnen dem Betrachter neue Blickwinkel. Die Objekte bekommen einen sprechenden Charakter und die Kommunikation zwischen Werk und Mensch wird auf eine andere Ebene gehoben.

Unter den Skulpturen der Ausstellung, in den Musikboxen, entweichen auf Marmor gedruckte Noten von Mozart oder Chopin aus eisernen quadratischen Schachteln. Hier steht die urtümliche Kraft des Marmors metaphorisch für die emotionale Kraft der Musik und sorgt für ein harmonisches Gesamtwerk. In seiner Herz-Skulptur wird der Marmor von einem eisernen Netz fest zusammengepresst, das es ihm kaum erlaubt zu schlagen.  Auf der Oberfläche offenbart der Künstler dem Betrachter eine Passage aus dem großen Roman "Pedro Páramo" des mexikanischen Schriftstellers Juan Rulfo. Die Suche des Protagonisten nach seinem abwesenden Vater, die das Thema des Romans ist, manifestiert sich in diesem Herzen, das mit Liebe und Druck zu kämpfen hat.

Bei dem aus wunderschönem rötlichen Sènia Stein gefertigten Werk mit dem poetischen Titel Die Haut und die Zeit ist eine Textpassage von Stefan Zweigs „Die Welt von gestern“ eingraviert, diese lässt sich jedoch erst bei genauerem Hinschauen erkennen, da auf harte Farbkontraste verzichtet wurde. Die glatte „Haut“ der Skulptur wird nun von feinen Furchen durchzogen, wo die Sätze eingearbeitet wurden.

Weitere Werke in der Ausstellung sind die Skulptur Ola (Welle), wo er Bewegung in das auf dem Sockel balancierende Werk integriert hat. Oder der große Knoten Seltsamer Frieden, in dem er vier verschiedene Materialien kombiniert hat, die ein Ensemble von großer Schönheit bilden. Sowohl in dieser als auch in der Arbeit Touch integriert er naturbelassenes oder lackiertes Aluminium, eine weitere Herausforderung für die Kombinationen. Die Arbeit Tenderness bond besticht durch perfekt gearbeiteten reinen Marmor und ist die einzige Arbeit ohne Text. Besonders ist auch die Arbeit Stars, bei der sich der optische Eindruck von Härte und Gewicht der Materialien der Logik des Betrachters entzieht.

Wir stehen vor einem Künstler von großer Solidität, bei dem die physische Präsenz der expressiven Skulpturen eine starke Anziehungskraft auf den Betrachter ausübt. Mit seiner Beherrschung der Techniken und der Vielfalt der Materialien, die er verwendet, schafft er es, uns in seine Welt der verschiedenen Farben, Formen und neuen Empfindungen zu entführen. Die harmonische Symbiose zwischen dem Visuellen und dem Haptischen ist zusammen mit seiner Poetik wahrscheinlich das Merkmal, das die Arbeit von Lluís Cera am besten definiert.

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